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"Ich weiß nicht, ob dieser Glaube die Leute glücklich macht." Sinnfülle und Sinnsuche in der Literatur der deutschen Aufklärung

27.06.2018

Daniel Fulda (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) spricht am 27. Juni um 18h im Unipark Nonntal im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesung AUFKLÄRUNG UND GEGENAUFKLÄRUNG: RELIGIÖSE POLEMIK GEGEN KUNST - KÜNSTLERISCHE POLEMIK GEGEN RELIGION über Sinnfülle und Sinnsuche in der Literatur der Aufklärung.

Ort / Zeit: Mittwoch 27. Juni 2018; 18.00-19.30h, Unipark, Erzabt-Klotz-Str. 1, E.003 (Georg Eisler)

 

Programm

 

Kunst und Religion haben gemeinsam, dass sie Sinnagenturen sind. Beide bearbeiten die (rational) nicht beantwortbaren Fragen, beide vermitteln dem Einzelnen Erfahrungen des ‚Ganzen', beide verstehen sich als sinnliche Annäherungen an das Übersinnliche, beide suchen im Endlichen Zugänge zum Unendlichen. In dieser Nähe steckt die Chance zum Zusammenwirken von Kunst und Religion, aber auch erhebliches Konfliktpotential, sobald man sich als Konkurrenten wahrnimmt.

 

Die Zeit der Aufklärung hat für diese Konstellation eine Schlüsselfunktion: Zum einen, weil sich die Kunst von ihrer dienenden Rolle emanzipierte und die Welt und den Menschen unabhängig von den Erklärungen und Normen der Religion zu erkunden begann. Zum anderen, weil die Literatur und die anderen Künste bei ihren passioniertesten Adepten zu Funktionsäquivalenten der Religion avancierten.

 

Die Vorlesung geht zunächst der wechselseitigen Polemik zwischen Theaterleuten und Frommen im Deutschland des 18. Jahrhunderts nach. Warum beschimpfte man sich von der Bühne ebenso wie von der Kanzel aus? Warum war den Frommen das moraldidaktische Theater der Aufklärer nicht minder ein Dorn im Auge als der Hanswurst mit seinen Zoten? Satiren auf heuchlerische Geistliche und andere besonders Fromme sind im deutschen Aufklärungsdrama nicht besonders zahlreich, aber doch vorhanden: Zielte dies lediglich auf Auswüchse oder handelt es sich um eine grundsätzliche Religionskritik?

 

Wenn, wie in Luise Adelgunde Victorie Gottscheds Pietisterey im Fischbein-Rocke, eine Komödienfigur ihrem Gegenspieler, der ihr von der verderbten Natur vorpredigt, entgegenhält: "Ich weiß nicht, ob dieser Glaube die Leute glücklich macht" - heißt dies nicht, den Glauben von den Bedürfnissen des Menschen her zu denken? In der Tat entwickelte sich, im Fortgang der Aufklärung, die von der Literatur modellierte Religiosität in eine solche Richtung. Im Fluchtpunkt des in der Aufklärung einsetzenden Prozesses der Anthropologisierung, Ästhetisierung, Subjektivierung und Individualisierung von Religion aber liegt - unsere Gegenwart. Die Vorlesung wird anhand von Goethes Leiden des jungen Werther aufzeigen, wie moderne Religiosität und Kunstempfinden ineinander übergehen.

 

 

 

Daniel Fulda ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg und Leiter des dortigen Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung. Gastprofessuren in Paris, Notre-Dame (U.S.A.) und Lyon. Ordentl. Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

Aktuelle Publikationen: „Die Geschichte trägt der Aufklärung die Fackel vor." Eine deutsch-französische Bild-Geschichte, Halle 2017; (Hrsg. mit J.-Chr. Abramovici:) Lumières et classicism. Enlightenment and classicism. Aufklärung und Klassizismus. In: International Review of Eighteenth-Century Studies 3 (2017); (Hrsg. mit E. Décultot u. Chr. Helmreich:) Poetik und Politik des Geschichtsdiskurses. Deutschland und Frankreich im langen 19. Jahrhundert. Poétique et politique du discours historique en Allemagne et en France (1789-1914), Heidelberg 2018.

 

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Konzept: Christopher F. Laferl, Markus Ebenhoch (Fachbereich Romanistik)



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